
Besonders schön ist es, wenn sich gefühltes Unbehagen in ganz konkretes verwandeln kann- wie hier im vorliegenden Fall, der uns den täglichen Wahnsinn in Deutschlands Hauptstadt mal wieder so richtig vor Augen führt;
"Hi,heute morgen wollte ich endlich zum Bürgeramt, um mir einen Reisepass zu bestellen. Vor zwei Wochen schon hatte ich furchtbar häßliche biometrische Passbilder von mir machen lassen. (Die sind wegen der Perspektive und nicht wegen mir häßlich.) Ich klaubte alles zusammen: Geburtsurkunde aus der Deutschen Demokratische Republik, Personalausweis aus der kreisfreien Stadt Flensburg, neunundfünfzig Euro aus dem Geldautomaten der Deutschen Bank im Ring-Center an der Frankfurter Allee und fuhr furchtbar früh um 9 Uhr morgens zum Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Dort erwartete mich am Eingang ein großes rotes Schild mit der Aufschrift "Streik", unterschrieben von irgendeiner Gewerkschaft. "Die streiken", dachte ich mir, "na, dann arbeiten sie ja genausoviel wie sonst auch" und ging hinein. Dort stellte ich mich in eine kurze Schlange und wartete darauf, dass mir der alte Mann hinterm Schalter eine Nummer in die Hand drückt und sagte, ich solle vor Tür 0815,03 warten, bis ich aufgerufen werde. Vorbereitet wie ich war, hatte ich mir ein dickes, pardon, ein sehr dickes Buch für die Wartezeit mitgenommen.
Nachdem alle anstehenden Bürger in der Schlange vor mir abgefertigt und mit enttäuschten Gesichtern gegangen waren, war ich an der Reihe: "Morjen, würd´ jern 'nen Reisepass beantrajen"
Da fragt mich der alte Mann, den ich schon seit Jahren kenne, da ich mich bei früheren Ausweisbestellungen und anderen Anträgen mit ihm rumgeärgert hatte, wann ich denn fliege. "Das geht Sie 'nen Sch***, äh, das ist noch ne Weile hin."
Er sagte: "Wir streiken." Ich darauf: "Ok, geben Sie mir ne Nummer." "Nein wir streiken. Das geht heute nicht. Lassen sie sich 'nen Termin geben." Er reichte mir einen Zettel mit einer Telefonnummer drauf. Ich fragte: "Wie lange streiken sie denn? Bis nach der Mittagspause?" Er antwortete: "Mindestens bis nächsten Dienstag."
"Toll", sagte ich, "nächste Woche muss ich wieder arbeiten und dann kann ich nicht zu ihren Öffnungszeiten hierher kommen". "Naja, dann lassen sie sich einen Termin geben." "Krieg´ ich auch einen nach achtzehn Uhr." Er guckte mich resigniert an. Auf die Frage, was wir nun machen, guckte er noch resignierter und ich entschloss mich zu gehen, da ich gerade keine Fahne dabei und auch keine Lust hatte, eine Barrikade zu bauen.
Auf dem Weg nach Hause - alle Verkehrsregeln missachtend, denn die Polizei in Berlin streikt ja auch - überlegte ich mir, was der Streik im Bürgeramt eigentlich bringt. Die wollen mehr Geld. Gut hier könnte man die Frage einwerfen: "Wofür?". Das Geld wollen sie von ihrem Arbeitgeber,der Stadt Berlin. Streik ist ein Mittel des Arbeitsrechts, um den Arbeitgeber zu schädigen, dass ohne Arbeit der Arbeitnehmer dessen Produktion still steht und er so nichts verkaufen kann und damit finanzielle Einbußen hat. Wenn bei Daimler die Bänder stillstehen, werden keine Autos gebaut und Daimler kann keine verkaufen, so dass Autokäufer bei der Konkurrenz kaufen und so Daimler weniger Geld verdient. Deswegen zahlt in meinem Beispiel Daimler seinen Arbeitnehmern bald die geforderten höheren Löhne, damit diese wieder arbeiten und Autos bauen.
Wie kann man diesen Sachverhalt jetzt auf das Bürgeramt bzw den öffentlichen Dienst übertragen? Das Bürgeramt nimmt Verwaltungstätigkeit, wie die Ausstellung eines Reisepasses, für den Bürger wahr. Dafür bezahlt der Bürger auch direkt, aber die Gehälter der Angestellte kommen vom Land Berlin, was sich über Steuergelder finanziert. Wenn das Bürgeramt jetzt nicht arbeitet, geht der Bürger frustriert nach Hause. Wie wird der Arbeitgeber dadurch geschädigt? Zahlt der Büger daraufhin weniger Steuern. Spass beiseite. Den Witz wird der Mitarbeiter des Finanzamts nicht verstehen. Kratzt es die Senatsverwaltung von Berlin, wenn der Bürger frustriert nach Hause geht? Kann ich jetzt zu einem anderen Bürgeramt, beispielweise in Charlottenburg gehen und dort meinen Reisepass beantragen? Nein, denn das kann ich nur da, wo ich gemeldet bin. Also hat das Bürgeramt Friedrichshain-Kreuzberg mir gegenüber ein Monopol. Monopol und schlechten Service. Das ist genau das, was sich der aufgeklärte Verbraucher in der freien Marktwirtschaft am meisten wünscht.
Nur weiter gedacht: Wie kann der Streik Wirkung entfallten? Bekommen die Streikenden mehr Geld, wenn der regierende Bürgermeister einen neuen Reisepass braucht und wegen des Streiks keinen kriegt? Dann muss mein Bürgeramt nicht streiken, denn der regierende Bürgermeister wohnt nicht in Friedrichshain-Kreuzberg. Ein Streik im öffentlichen Dienst bringt auf jeden Fall nichts, da der Arbeitgeber nicht geschädigt wird. Was dann? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.
Viele Grüße
Micha"
Danke an Micha für diesen Leserbrief. Auch ich weiss zu vielen Dingen, die in diesem Land ablaufen, keine Antwort. Und wahrscheinlich geht das vielen Menschen so...
Foto: "Reihenfolge" (Rainer Sturm, pixelio.de)
Es gibt eine Möglichkeit hier das Konkurrenzprinzip anzuwenden -- zieh um. Suche Dir die Stadt mit dem fleißigsten Bürgeramt aus und zahle (nach der Ummeldung, geht ja schnell) Deine Steuern dort.
AntwortenLöschenIst natürlich Quatsch aber nach dem x-ten Streik vielleicht ne Möglichkeit.
Hi Ho,
AntwortenLöschensehr später Kommentar, aber ich habe mit Micha schonmal persönlich über seine Streikerfahrung gesprochen.
Zum einen hat dieses besagte Bürgeramt in F'hain auch am Samstag offen (man höre und Staune), was sich als Arbeitnehmer doch recht praktisch macht.
Ich habe meinen Perso dort an einem Samstag verlängern lassen und auch abgeholt.
Ich musste nicht mal lange warten ;)
Zum anderen ists mir neu, daß man seinen Reisepass nur da bestellen kann wo man auch gemeldet ist.
Zumindest konnte ich, obwohl in Biesdorf gemeldet, meinen Personalausweis auch im f'hain verlängern lassen.
Wundert mich, daß dass bei einer Reisepassanmeldung nicht funktioniert.
Beste Grüße,
der Marian
PS.: Bei der Frage nach dem Warum streiken die, gebe ich Micha weitestgehend recht.