Es gibt Tage, an denen die politische Nachrichtenlage den Eindruck vermittelt, unsere Gesellschaft bestehe nur noch aus Gegensätzen. Demonstrationen, Parteitage, Schlagzeilen und gegenseitige Vorwürfe, Hass und Hetze bestimmen die öffentliche Wahrnehmung. Wer aufmerksam die Ereignisse dieses Wochenendes verfolgt, erkennt schnell, wie tief die politischen Gräben inzwischen geworden sind und wie dünn die Decke der Zivilisation doch ist.
Doch gerade in solchen Momenten stellt sich eine andere Frage: Wo bleibt der Raum für das Nachdenken?
Seit Jahrhunderten ist die Kultur dieser Ort. Literatur, Musik, Theater und bildende Kunst haben nie nur unterhalten. Sie haben den Menschen geholfen, ihre Zeit zu verstehen. Goethe schrieb nicht für den Tag, Beethoven komponierte nicht für die nächste Schlagzeile, und Thomas Mann wusste, dass Demokratie ohne Bildung und Kultur ihre geistige Grundlage verliert.
Heute scheint diese Einsicht gelegentlich in Vergessenheit zu geraten. Die öffentliche Debatte wird immer schneller. Algorithmen belohnen Zuspitzung, Empörung verbreitet sich rascher als Differenzierung. Wer laut spricht, wird gehört; wer sorgfältig argumentiert, geht leicht unter.
Gerade deshalb kommt den kulturellen Institutionen eine besondere Verantwortung zu. Museen, Bibliotheken, Theater und Konzerthäuser sind keine luxuriösen Extras einer wohlhabenden Gesellschaft. Sie sind Orte des freien Denkens. Sie erinnern daran, dass jede Generation ihre Antworten auf alte Fragen neu finden muss: Was bedeutet Freiheit? Was hält eine Gemeinschaft zusammen? Wie gelingt ein respektvoller Umgang trotz unterschiedlicher Überzeugungen? Und sie sollten schon aus diesem Grunde für Finanzminister und Erbsenzähler jeder Coleur ein absulutes Tabu sein.
Die aktuellen politischen Auseinandersetzungen zeigen vor allem eines: Demokratie ist niemals selbstverständlich. Sie lebt von der Bereitschaft, den anderen nicht sofort zum Gegner zu erklären, ihm nicht "sofort auf's Maul" zu hauen oder ins Gesicht zu treten. Demokratie lebt ebenso von der Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten. Genau diese Fähigkeit vermittelt Kultur. Auch fünfzigtausend kulturlose Idioten am Wochenende in Erfurt können irren. Oder auch 600 Delegierte, eingepfercht in einer Thüringer Halle.
Ein gutes Buch zwingt uns nicht zu einer Meinung. Es eröffnet eine Perspektive. Ein gutes Theaterstück präsentiert keine fertigen Lösungen. Es stellt Fragen. Ein Konzert schafft Gemeinschaft, ohne nach Herkunft, Parteibuch oder Weltanschauung zu fragen. Vielleicht liegt darin ihre größte politische Kraft. Wobei : Noch vor kurzer Zeit vertrat ich die Ansicht, dass man mit Klassikern in Theater und Oper nichts falsch machen kann. Eine Oper von Mozart oder klassisches Ballett ließen sich nicht verhunzen.
Inzwischen musste ich mich auch hier korrigieren lassen: Idiotische Aufführungen im Sinne einer völlig geschichtslosen und daher einseitigen politischen Korrektheit von Tschaikovskys "Nussknacker " oder Mozarts “Entführung aus dem Serail“ belehrten mich eines schlechteren.
Wer sich einmal näher mit dem Werk Bulgakows beschäftigt hat, findet heute und hier einen unsäglichen Trend aus stalinistischen Zeiten wieder. Iwan Besdomny - auf deutsch Hans Hauslos, ein Mensch, der jede Geschichte verneint, ohne jede Vergangenheit im Sinne von Traditionen oder Überlieferungen aufwächst und letztlich jede Kunst aus der Zeit "vorher" verneint und lediglich die stalinistischen Maxime gelten lässt, ist auferstanden. Er plappert Unsinn im Sinne einer bestimmten Doktrin, damals waren das u.a. "die historische Mission der Arbeiterklasse", heute wären das zum Beispiel Gender Mainstream, das Märchen vom Klimawandel allüberall oder die Parole "Ganz Erfurt hasst die AfD". Niemand macht sich noch die Mühe, zu Ursachen vorzudringen, historische Prozesse zu analysieren und daraus Lösungen vorzuschlagen und voranzubringen. Jede Äußerung, jede Kunst wird so einseitig, wird falsch, jede Kultur ist so nur noch Fälschung. Und schlimmer: "Those that fail to learn from history are doomed to repeat it."* wie Winston Churchill allen geschichts- und damit kulturlosen Gesellen ins Stammbuch schrieb.
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| Banksys Parlament |
In einer Zeit, in der vieles lauter wird, bleibt Kultur die leise Stimme der Vernunft. Sie wird nicht jede politische Auseinandersetzung lösen. Aber sie kann verhindern, dass wir verlernen, miteinander zu reden. Das allein wäre heute schon ein großer Gewinn.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten unserer Zeit, dass wir über nahezu alles informiert sind und doch immer weniger Gelegenheit haben, das Geschehen zu verstehen. Nachrichten erreichen uns im Sekundentakt, Meinungen entstehen in Minuten, Urteile werden oft gefällt, bevor Fragen überhaupt gestellt worden sind.
Dabei hat Demokratie niemals vom Lärm gelebt. Sie lebt von der Fähigkeit zum Gespräch. Schon Hannah Arendt erinnerte daran, dass Politik dort beginnt, wo Menschen miteinander sprechen und die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Wo nur noch Gewissheiten existieren, endet der Dialog – und mit ihm ein wesentlicher Teil demokratischer Kultur.
Die Zukunft entscheidet sich nicht nur in Parlamenten oder auf der Straße, zwischen Wasserwerfern und Gummiknüppeln. Sie entscheidet sich ebenso in Klassenzimmern, Bibliotheken, Opernhäusern, Konzertsälen und überall dort, wo Menschen bereit sind, einander zuzuhören und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen. Vielleicht beginnt genau dort die Hoffnung, die unsere Zeit so dringend braucht.
Damit wir eine Zukunft haben ...
* "Jene, die es versäumen, von der Geschichte zu lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen."





