Christa Wolf ist tot. Sie starb gestern um Alter von 82 Jahren. Und ich bekenne: Ich habe (fast) nichts von ihr gelesen! "Nachdenken über Christa T." hieß eines ihrer Bücher. Liegt es an mir, an uns (auch M. hat sie bisher kosequent ignoriert), dass Christa T.s Schicksal uns zu DDR-Zeiten nicht interessiert hat und uns auch heute völlig kalt lässt? Und würde ich heute in einer Buchhandlung vor ihren gesammelten Werken stehen, fiele mir wahrscheinlich nur ein, dass sie recht fleißig war.
De mortuis nihil nisi bene
Was macht Bücher, was macht Literatur überhaupt wichtig für den Menschen? M. hasst z.B. Anna Seghers, weil ihr eine langweilige Deutschlehrerin gefühlte 12 Schuljahre mit dem "Siebten Kreuz" auf den Nerv ging. Natürlich war es nur ein Schuljahr, aber seitdem kriege ich M. nicht mal dazu, sich die recht gute Verfilmung der MGM mit Spencer Tracy in der Regie von Fred Zinnemann anzusehen. So kann Schule das Leben verhunzen! Trotzdem habe ich auch nach der Schulzeit Schiller und Goethe gelesen und bin sogar in die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft, die älteste literarische Gesellschaft der Welt, eingetreten. Freiwillig!

Auch der Westen hat ja seine hochgelobten Meister der Feder. Zum Geburtstag bekam ich dieses Jahr Kurzgeschichten von Dürrenmatt. Danke, nett gemeint. Aber über die erste ("Der Tunnel") bin ich nicht hinausgekommen.Den Grass verabscheue ich geradezu. Sein nur ihn bewegendes Werk " Ein weites Feld" vergammelt halbgelesen in unserem Bücherschrank. Dann lieber den echten Fontane! Woran liegt es also, ob Bücher uns ansprechen, uns "etwas geben" ? Keine Ahnung. Vielleicht am persönlichen Geschmack, an den eigenen Erfahrungen oder am Marketing der Buchverlage?
Statt Wolf, Grass, Böll, Dürrenmatt und Brecht lese ich zur Zeit lieber Harry Potter und disappariere jetzt nach diesem ganz unmöglichen Geständnis schnell und verschämt aus diesem Blog...
Foto: Spannende Lektüre (Paul-Georg Meister / pixelio.de)
Nur eine ganz kurze Anmerkung: Anna Seghers "Das wahre Blau". Wie habe ich das gehasst und habe eingentlich nie wieder etwas von Anna Seghers gelesen, auch nicht das 7. Kreuz. Da habe ich mich im Literaturunterricht durchgeschummelt.
AntwortenLöschenHallo Frank,
AntwortenLöschenAlso Nein, entschieden Nein! Harry Potter lesen ist fast so schändlich, wie damals bei uns ‚Comics‘ oder ‚Landser‘-Hefte lesen (Lach) .
Schade daß ich diesen Beitrag so spät entdeckte, das wäre ein „Bester Blog der Woche“ wert gewesen.
Also, ich muß schon sagen: Wir, ich jedenfalls, kann nicht mehr so lesen wie zu DDR-Zeiten.
„DDR Leseland“ das war keine Propagandafloskel sondern selbsterlebte und mitgemachte Realität.
Wir haben jede Menge gute deutsche und Weltliteratur (Kannst Dir an die Reihe ‚Erkundungen‘ erinnern?) gelesen und auf Arbeit mit den Kollegenkreis besprochen.
Ich war täglich in der Buchhandlung, außerdem in der Stadtbibliothek.
Anna Sehers ehre ich zwar, aber mein Lieblingsautor war sie auch nicht gerade.
Christa Wolf dagegen war und bleibt mir regelrecht verhaßt. Das wird Dir wohl keine Überraschung sein.
Nochmals vom Herzen Dank für diese Anregung zum Nachdenken über Literatur.
Herzliche Grüße aus dem verregneten Flandernland mit zarte Temperaturen,
Nadja
Ja, so sind die Menschen, auch die Bildungsbürger, verschieden.
AntwortenLöschenWir behandelten in der Schule - in Bernau - Der geteilte Himmel von Wolf.
Ich tat mich damit nicht leicht.
Auch mit Seghers nicht. Doch las ich Seghers einige Jahre später noch einmal und folgte ihren Gedanken durch dieses grauenhafte Thema.
Doc, lesen Sie ruhig Harry Potter, wenn Sie das jetzt brauchen. Über Ch. Wolf gibt es viele Meinungen, und nicht nur, weil sie IM gewesen war. Für mich war sie eine herausragende Schriftstellerin , so wie St. Heim.
Leider ist sie tot und andere Schmierfinken leben.
Barnimer