
Wir lieben diese Insel dort im Atlantischen Ozean, deren Bewohner im Falle von Nebel in der die Insel vom restlichen Europa trennenden Wasserstraße - der Straße von Dover (die Franzosen benennen sie natürlich nach der französischen Stadt Calais) - nach wie vor strikt behaupten, dass "the continent isolated" ist. Selbst konsequente britische Europäer und Republikaner fahren "nach Europa", wenn sie auf das Festland reisen. Der Nationalismus, manchmal gepaart mit einem üblen Chauvinismus, ist immer noch unübertroffen, zeigt sich vor allem in den Witzen und lässt sich auch auf den vor 60 Jahren begonnenden Bedeutungsverlust dieser Nation zurück führen. In letzter Zeit wird er allerdings durch eine aus den USA übernommene eher peinliche politische Korrektheit konterkariert , die z.B. zu einer Zensur des Programms der Last Night of the Proms führte und diese Veranstaltung zur schlechten Satire gedeihen ließ. Das ganze Land erscheint dadurch, dass man u.a. Sparschweine für das Trinkgeld vom Tresen der Geschäfte abschaffte, um die Moslems nicht zu verprellen, als eher unattraktiv und vor allem albern. Und wie immer muss man sich genau wie in Deutschland davor hüten, die Dummheit, die Arroganz und die Aggressivität der Politiker und Meinungsbildner auf die übrigen Bewohner Großbritanniens zu übertragen.
Nun also wieder einmal Olympia in London. Man kann Olympia lieben oder nicht. Man kann - wie ARD und ZDF 2008 aus Peking - ständig irgendwelche Hasstiraden gegen die Organisatoren absondern und damit jede vernünftige Sportübertragung unmöglich machen. Man kann umgekehrt in London alles super finden, denn schließlich sind wir mit GB verbündet und stecken nicht nur gemeinsam in Afghanistan fest, sondern auch weit im Gesäß unseres großen Bruders. Als kritischer Mensch kann man allerdings auch eine eigene Meinung produzieren, die blöden Kommentare ausblenden und gleich die BBC sehen. Und man kann sich daran erinnern, dass die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau vom Westen, auch von Westdeutschland, boykottiert wurden, denn damals steckten gerade die Russen in Afghanistan fest. Was natürlich ein Verbrechen war und umgehend bestraft werden.musste D.h. die westlichen Athleten wurden bestraft. Eben durch Nichtteilnahme. Aber heute stecken die freiheitlich-demokratischen Kämpfer der NATO in Treue in Afghanistan fest Was selbstverständlich nicht bestraft wird. Wenn zwei das Gleiche tun...
Natürlich jubelte der Kommentator vom ZDF auch die Londoner Eröffnungsfeier hoch. Wir fanden sie eher plump und peinlich. Manche Medien kritisierten z.B., dass in der Show die Olympischen Ringe aus den Essen der britischen Eisengießereien entstanden. Ausgerechnet hier war der Choreograph sogar ganz dicht an der historischen Entwicklung, denn was waren die Olympischen Spiele der Neuzeit bei ihrer Gründung anderes als Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins der bürgerlichen Klasse ? Und woher kam dieses Selbstbewusstsein? Natürlich aus der ökonomischen Macht dieser Klasse, die ihren Ausgangspunkt in der bürgerlichen englischen Revolution von 1649 und dem Manchester-Kapitalismus des beginnenden 19. Jahrhunderts hatte. Eben vor allem aus der Stahl- und Eisenindustrie. Aber Marx war noch nie Lektüre bundesdeutscher Reporter und so sollte man nicht zuviel an geistiger Tätigkeit verlangen.
Ansonsten ist viel über die Show geschrieben und gesprochen worden: Über den Auftritt von Oma Paul (McCartney), die wohl nicht alle Töne traf. Über die grünen Hügel, über die 7 Feuerkelche, wahrscheinlich von Harry Potter inspiriert. Niemand merkte die falsche deutsche Übersetzung des Shakespeare-Zitats, vom Nordiren Kenneth Brannagh aus dem "Sturm" rezitiert. Und ob es ausreicht, der Millionen während der Kolonialzeit totgeschlagenen Negersklaven, erschossenen Inder und Chinesen oder amerikanischen Ureinwohner dadurch zu gedenken, dass man einigen ihrer Nachfahren große Zylinderhüte aufsetzt und sie in der Eröffnungsshow auftreten lässt, mag bezweifelt werden. Auch Robbie Williams fehlte nicht in dem ganzen Spektakel, eher der Schotte Robbie Coltrane.
Unsere Hoffnung für die Abschlussveranstaltung ist übrigens, dass aus einem überdimensionalen grünen Hügel NICHT ausgerechnet ein ältlicher, kleiner, dicker, geadelter Klavierspieler mit putziger Brille erscheint, der einen dritten Aufguss eines seiner Songs darbietet, quasi von "Goodbye Norma Jean" über "Goodbye English Rose" zu "Goodbye Olympic Games". Schon der zweite Ausguss war eher eine Beleidigung einer prominenten Toten.
Allen Athleten viel Glück. Möge die und der Bessere gewinnen...
Foto: Olympiade 2012 (Alexandra H. / pixelio.de)
Hallo Frank,
AntwortenLöschenIch habe in meinem Blog einen Hinweis, als Zuschrift, auf deinen Beitrag gemacht:
„Olympische Spielen: eine kritische Betrachtung“
http://politiekencultuur.blogspot.be/2012/07/olympische-spielen-eine-kritische.html
In Flanders fields,
Sonnige Grüße,
Nadja
...gut beobachtet und gut kommentiert. Mir erschien die Eröffnung etwas kleinkariert außer die Ringschmiede. Der typisch englische Humor kam zwar nicht zu kurz, aber .... Lieschen einschwebend und just im Stadion zu erscheinen - also ich fand das nicht schlecht!!!
AntwortenLöschenTrotzdem werden die Besten siegen und unser Team scheint nicht dazu zugehören.
Barnimer
Die Nachtische ... ich komme ins Schwärmen.
AntwortenLöschenÜbrigens teile ich die Ansicht über die Eröffnungsfeier. Ich habe sie nicht so lange geschaut, weil sie mir viel zu langweilig war und ich sie kein bisschen toll fand. Wahrscheinlich bin ich zu kleingeistig ;), weil ich absolut nicht den Übergang James Bond tagsüber zur abendlichen Absprungfeier verstand. War der Film nun nur fürs Fernsehen? Oder wie? Wie auch immer. Mir gefiel es nicht und die Olympischen Spiele schaue ich auch nicht, weil die mit Sport nur noch sehr wenig zu tun haben. Was las ich kürzlich: Sportler kämpfen gegeneinander um Werbeverträge. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
@PeWi: Bei James Bond war ich schon lange weg.
AntwortenLöschen@F.V. Kurz davor hatte ich gerade begonnen, zu schauen und bei Harry Potter bin ich gegangen.
AntwortenLöschenIm Gegensatz zur Pekinger Eröffnung in 2008 war diese aber weniger mit Pomp gespickt, aber vom Hocker hats mich auch nicht gerissen. Aber Südengland liebe ich trotzdem (im Norden war ich noch nicht)
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