
Der deutsche Michel schätzt ein geordnetes Staatswesen und meidet umstürzlerische Gedanken. Und das schon seit Jahrhunderten. Es ist müßig, über die Gründe dafür zu spekulieren. Sie liegen wahrscheinlich in der deutschen Geschichte, in den Blutbädern der Bauernkriege und der Reformation und vielleicht auch darin, dass der Michel immer etwas mehr zu verlieren hatte als seine Ketten. Sollte es wider Erwarten doch einmal einigen Aufwieglern gelingen, sich an die Spitze einer Volksbewegung zu setzen und den Versuch eines Neuanfangs zu wagen, ist entweder die Ordnungsmacht da und spielt den Noske oder das Volk geht irgendwann einfach nach Hause wie im kalten Herbst 1989 und überlässt die Bühne einigen rückwärts gewandten Pfaffen und deren Pendants aus dem Westen. In der Regel gehen daher Revolutionen in Deutschland schief, sie werden verschleppt, zerredet, verraten, meistens aufgegeben, ergo nicht zu Ende geführt. Die Laternen bleiben leer, die Guilliotinen im Keller. Schade. Ab und zu gründet mal jemand eine neue Partei und die endet dann so wie die Grünen. Und statt Fortschritt erleben wir nur jahrzehntelang die gleichen trüben, abonnierten Typen aus der Politik und bedauern bei jeder Wahl, dass an den Laternen nur deren Konterfeis hängen.
Ich selbst habe es in den letzten Wochen aufgegeben, mich über Irgendetwas aus der "großen" Politik zu ärgern. Schattenhaushalte und verschleppter Staatsbankrott? Zweiklassenmedizin bei Grippe-Seren?Verlagerung des Impfrisikos mit einem nicht erprobten Schweinegrippen-Impfstoff allein auf die anwendenden Ärzte ? Zusätzliche private Pflegeversicherung unter Ausschluß der Unternehmer ? Nebbich ! Weiterer Abbau bürgerlicher Rechte ? Noch 'n paar Soldaten und Millionen Euro nach Afghanistan, um dort das korrupte Regime eines Karsai zu stützen? Längere Laufzeiten für marode AKWs? Geht mich nichts an! Das Volk hat gesprochen und das Volk hat Triefauge und den Leichtmatrosen gewählt.Weil die so klug sind, viel für die Familien tun, in der Außenpolitik so kompetent sind, der Gu-i-do so toll ist , sie die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, sich für die Umwelt einsetzen, so sympathisch sind. Diese Begründungen habe ich mir nicht etwa ausgedacht, die haben deutsche Michels und Michelinen vor der Wahl dem "Stern" verraten. Also, was soll's ?
Es folgen nun vier weitere verlorene Jahre in einer noch neoliberaleren, erstarrten Republik von Globalisierungsgnaden - quasi in Aspik. Das einzig Neue werden die höheren Beiträge, Steuern und Abgaben für's Volk natürlich unter Auslassung der großen Konzerne sein. Die Medien werden uns schon erklären, dass es dazu keine Alternativen gibt. Und wir - das Volk - haben es so gewollt...
Foto: Graffiti am Viadukt Lauffenmühle im Remstal (Stihl024, www.pixelio.de)
Eine tiefe Ohnmacht entdecke ich in Deinem eindringlich geschriebenen und gut durchdachten Artikel. Wie soll es besser gehen, wer soll das veranlassen? "Wir haben es so gewollt..." Das ist zu einfach und stimmt so auch nicht. Also - da war noch irgendwas mit Klassenstandpunkt... Ich bin mir heute ziemlich sicher, dort liegt der Schlüssel fürs Grundsätzliche. Aber ich bin zu klein, den Schlüssel in das richtige Schlüsselloch zu bekommen und alleine schaffe ich es auch nicht. Ziehe mich zum Nachdenken in den Herbstwald zurück und wünsche Dir ein schönes Wochenende.
AntwortenLöschenDanke und die besten Grüße zurück. Eigentlich bin ich nur bitterböse.Und das mit dem Nachdenken wollte ich erreichen...
AntwortenLöschenLiebe Valli,
AntwortenLöscheninhaltlich hätte ich Deinen Beitrag genauso geschrieben haben können. Freilich nicht so toll ausformuliert...
Mir geht es wie Dir und ich bin traurig und wütend und muss aufpassen, dass ich nicht selbst in der Aspiksoße kleben bleibe.
Aber... je fester die Masse, desto mehr tut es ihr weh, wenn man drin rumbohrt! Komm, lass uns bohren! In Aspik bewirkt man mehr als in Suppe!
Liebe Grüße
neanada
@neanada: Danke für Deine Worte.Das Bild mit Suppe und Aspik ist herrlich. Du hast mich wieder ein wenig aufgerichtet.
AntwortenLöschenViele Grüße
Frank
Ich habe meine Stimme in die Urne geworfen. Dort wurde sie beigesetzt.
AntwortenLöschenIn 4 Jahren habe ich mir eine neue Stimme produziert, die ich dann wieder in einer Urne beisetzen darf.
Und so gehts immer weiter und weiter :)
Grüße,
Marian