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Mittwoch, 22. Juli 2009

Die Berliner S-Bahn oder: Wo wir sind, ist das Chaos...


... leider können wir nicht überall sein. Dieser alte Spruch aus meiner Jugendzeit fiel mir gestern wieder ein, als mir M. von ihren neuesten Erlebnissen im hauptstädtischen Nahverkehr berichtete. Auch der alte Ökonomenwitz aus dem sechziger Jahren hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt: Zum 50. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Jahre 1967 schickt Walter Ulbricht den befreundeten Völkern der Sowjetunion ein großes Paket. Inhalt soll eine neue Geheimwaffe gegen den Klassenfeind sein. Als man dieses Paket im Kreml auswickelt, ist man sehr enttäuscht, denn es enthält nur zwei schlafende Männer. Der Generalsekretär der KPdSU ruft daraufhin in Berlin an und bekommt die Auskunft:" Bloß nicht wecken, das sind zwei Ökonomen aus der DDR, die sind schlimmer als 10 Atombomben !"
Ein paar Bemerkungen zu diesem Witz für die Leser dieses Blogs von jenseits der Elbe:
1.Die Berufsbezeichnung "Ökonom" entspricht dem BWLer, der gerade dabei ist, Ihre bisher noch rentabel arbeitende Firma in den Ruin zu treiben.
2.Zwar ist die DDR nach wie vor an allen Missständen im vereinigten Deutschland schuld, nach 20 Jahren sollte diese Entschuldigung allerdings nicht mehr gelten.
3.Nicht alles in der DDR war so schlecht wie ihre Ökonomie.

Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich dann gestern im "Tagesspiegel" einen eher sarkastischen Beitrag über das gegenwärtige S-Bahn-Chaos in der Hauptstadt lesen durfte. Obwohl mir Zynismus nicht ganz fremd ist, fand ich folgende Auslassungen für eine staatstragende Zeitung dann doch sehr stark:
"1945, bei der letzten vergleichbaren S-Bahn-Krise, verkehrten die Züge bis zum 25. April, wenige Tage vor der Kapitulation, trotz ständiger Luftangriffe und trotz Artilleriebeschuss. Am 25. April 1945 waren 75 Prozent der Wagen wegen der Russen nicht mehr funktionsfähig. Heute sind 70 Prozent der Wagen wegen des Managements nicht mehr funktionsfähig." Es gibt allerdings einen gewaltigen Unterschied zu damals: Die ersten S-Bahnzüge fuhren bereits am 6.Juli 1945 wieder, da die Rote Armee
daran interessiert war, in dem von ihr besetzten Land schnellstmöglich wieder normale Zustände einziehen zu lassen. Die S-Bahn-Manager von heute können uns allerdings bisher nicht sagen, wann die S-Bahn wieder funktioniert. Ich sage ausdrücklich FUNKTIONIERT !

Außerdem lag der Zustand der S-Bahn 1945 wohl nicht so primär an den Russen, sondern am genialsten Führer aller Zeiten, der die Sowjetunion so lange siegreich erobert hat, bis die Rote Armee endlich nach Berlin kam. Diese Feinheiten sind dem "Tagesspiegel" natürlich völlig fremd, oder sollte man vermuten, dass hier Sprache wieder einmal vergiften soll? Nebenbei bemerkt brauchten die genialen Unterführer des Führers damals die S-Bahn, um zum Beispiel von der Befreiung der Stadt Bernau im Nordosten Berlins durch die Rote Armee am 21. April 1945 zu erfahren. Ein S-Bahn-Zugführer hatte die Nachricht davon nach Berlin-Buch, dem ersten S-Bahnhof dieser Strecke auf Berliner Territorium, gebracht.

Die Deutsche Bahn AG scheint ja nicht nur im direkten Vergleich mit den "Russen" den kürzeren zu ziehen. Allerdings sind die Manager unseres Logistik-Riesens doch viel effektiver, vergleichbar höchstens mit den beiden schlafenden Ökonomen im obigen Witz: "Um die Berliner S-Bahn im April 1945 zum Stehen zu bringen, benötigte die Rote Armee 2,5 Millionen Soldaten, 6000 Panzer, 7500 Flugzeuge und 10 000 Geschütze. Der Bahn ist das Gleiche durch den Einsatz von lediglich vier Managern gelungen." schreibt der "Tagesspiegel" weiter. Na ja, dazu gab es als wesentliche Unterstützung aber noch einen Mini-Napoleon in der Bahnzentrale,mit großem Kopf und hochfliegenden Plänen, der jetzt gerade in diesem Moment eine ganze Fluglinie killt, und einen unfähigen Bundesverkehrsminister.

Der Sarkasmus des "Tagesspiegels" erreicht dann im letzten Absatz seinen Höhepunkt: " Was die vier Manager erreicht haben, war also möglicherweise illegal, aber es war zweifellos auch ein militärisches Wunder. Deswegen läge es nahe, die vier Manager nach Afghanistan zu schicken, damit sie dort, auf ihre bewährte Weise, diesmal aber völlig legal, die Infrastruktur, den Nachschub und die Versorgungswege der Taliban lahmlegen. Kein einziger Militärtransport der Taliban in Ost-West-Richtung erreicht mehr sein Ziel, genau wie bei der Berliner S-Bahn! Leider sind die vier Manager finanziell so gut versorgt, dass sie ein Engagement bei der Bundeswehr nicht nötig haben."

Witzig, aber leider auch nur zum Teil richtig, denn die Handlungen der S-Bahn-Manager waren mitnichten illegal, sie geschahen mit Billigung der Bahnspitze und damit der Bundesregierung. Und überhaupt: Was haben die Afghanen denn so Schlimmes getan, dass man ihnen diese Koryphäen des Chaos' auf den Hals schicken will ? Womit haben die Menschen in diesem armen Land unseren Zorn eigentlich verdient ? Nachher wird in den afghanischen Wüsten auch noch der Sand knapp...

Foto: S-Bahn Berlin (Dieter Schütz, www.pixelio.de)

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Wir sind noch lange nicht am Ende, wir fangen ja gerade erst an...