VALLIS BLOG

Wer? Wie? Was? Wieso ? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt bleibt dumm!

Dienstag, 14. Juli 2009

Deutsche zweiter Klasse - Teil 9


"Es geht mir um gleiche Augenhöhe zwischen Ost und West heute. 20 Jahre danach darf im Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten nicht nur das zählen, was aus dem Westen kommt. .. es hat Millionen von Menschen gegeben, die innerhalb des Systems das Beste versucht und geleistet haben. Dabei sind in vielen Bereichen gute Sachen herausgekommen, die man nicht einfach wegwerfen darf... Wir können nicht so tun, als sei ein idealer Staat auf einen total verdammenswerten getroffen. Die Bundesrepublik hatte ihre Schwächen und die DDR hatte ihre Stärken..." ( aus einem Interview des "Hamburger Abendblatts" mit dem Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, dem SPD-Politiker Erwin Sellering, vom 9. Mai 2009)


Zwar sind das bemerkenswerte Einsichten, aber sie kommen zwanzig Jahre zu spät und nur von einem einzigen Politiker dieser sogenannten Volkspartei.

Montag, 13. Juli 2009

Neue "Kulturzentren" und große Idioten


Die Hauptstadt hat ein neues Kulturzentrum, berichtet die "junge welt" von heute. »Auf dem Schloßplatz mitten in Berlin können Berliner und Touristen jetzt auf einer riesigen Liegewiese entspannen«, schwärmt der Deutsche Depeschendienst (ddp). Dort, wo früher ein Theater, ein Jugendclub, eine beliebte Bowlingbahn, günstige Gaststätten und der große Saal (Lindenberg-Konzert und »Ein Kessel Buntes«) sowie die Volkskammer der DDR Zuhause waren, lädt die Grünfläche »zum Spielen, Sonnen und Verweilen« (ddp) ein. Die Stelle, auf der einst der Palast der Republik stand, hat man mit Rollrasen ausgelegt. Allein diese Arbeiten kosteten 1,4 Millionen Euro, wieviel der politisch motivierte Palastabriß kostete, möchten wir gar nicht erst wissen. "Die NBL (»Neue Berliner Liegewiese«) ist frei von Toiletten und Mülle­­imern." berichtet die "jw" weiter. " Ein Eis für die Kinder, gekühlte Getränke an heißen Tagen oder etwas zum Essen gibt es nicht. Grillen ist laut Senatsverwaltung »unerwünscht«, Radfahren per Beschilderung »verboten«. Ein Holzzaun verhindert eine freie Sicht auf die Spree. »Immerhin, es ist ein Volksrasen«, witzeln (nicht nur - der Verfasser) frühere Palast-Beschäftigte über die neue kulturelle Begegnungsstätte."

Wahnsinn, was man aber auch alles für uns tut. Und sogar der Eintritt ist frei, wie damals in der DDR. Aber natürlich ist jetzt alles viel, viel besser.

Die Frage ist eigentlich nur, für wie blöd uns ddp und die Verantwortlichen für diesen Wahnwitz halten...

Foto: "Blick von der Friedrichstraße zum Roten Rathaus im Jahre 2005" ( © Michael Berger, www.pixelio.de)

National Geographic und der Kommunismus


In der April-Ausgabe von "National Geographic" Deutschland beweihräuchert der Chefredakteur Klaus Liedtke lang und breit das Wiedererstarken der russisch-orthodoxen Kirche in der ehemaligen Sowjetunion. Eigentlich ist es ja nur lächerlich, wenn z. B. KGB-Offizier Putin dem Patriarchen von Moskau die Hände küßt, aber wie immer in Zeiten von Unsicherheit, Krise und Furcht suchen viele Menschen Trost im Okkulten und Übersinnlichen. Und was war der Kommunismus Stalinscher Prägung anderes als eine Ersatzreligion ? Insofern ist die Reconquista durch die Popen, verbunden mit einer nie gekannten Pomp- und Machtentfaltung, nichts Besonderes. Gerade wegen ihres Pomps und ihrer Rückwärtsgewandheit birgt sie allerdings auch schon wieder ihren eigenen Niedergang in sich. Aber der kurze Artikel von Liedtke als Editorial fängt mit einigen sicher unfreiwillig erhellenden Sätzen an, die man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen sollte:

"Das größte Experiment der Geschichte: Das war der Versuch, aus Menschen Kommunisten zu machen - Individuen, frei von ökonomischen, politischen, religiösen Zwängen, ohne Herrschaft, ohne Klassen, ohne gemeingefährliche Selbstsucht..."

Was wäre an diesen individuellen Eigenschaften der Menschen falsch, außer dass sie dem Profitstreben des Kapitals und seiner Manager, dem Konsumzwang und damit der Umweltzerstörung, dem Neid auf den Besitz des Mitmenschen, der Parteienherrschaft in unserer Demokratur, dem Sündengefasel und dem Machtanspruch der Kirchen auf unsere Seelen und Portemonnaies, dem Egoismus und all den Abgründen des Denkens und Tuns, zu denen Menschen im täglichen Kampf gegen den Menschen fähig sind, diametral entgegengesetzt sind ?

Entschuldigung, ich stelle ja nur Fragen...

Foto: Marx-Engels-Forum Berlin ( © dumman, www.pixelio.de)

Sonntag, 12. Juli 2009

Mehr Rüstungsexporte und Lockerungen der Ausfuhrbeschränkungen


Der Zensor war gerade mal auf dem Klo oder hat geschlafen. Etwas anders kann es nicht gewesen sein, denn wieder einmal hat unsere Regionalzeitung in Verkennung der deutschen Pressefreiheit ganz kurz die Decke eines stinkenden deutschen Leichnams gelüftet. Vor langer Zeit hatten wir mal gehofft, dass dieser Leichnam schon längst bestattet wäre und dass wir einen derartigen Artikel niemals mehr lesen müssten. Der Artikel aus der"Märkischen Oderzeitung" unter dem Titel "BDI für mehr Rüstungsexporte" ist wie immer bei solchen "Ausrutschern" online nirgendwo zu finden und wird deshalb von mir verbreitet. Er ist von Joachim Göres, handelt mitnichten im Jahre 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, denn er beschäftigt sich mit den Planspielen der deutschen Rüstungsindustrie im Jahre 2009:


"Celle. Eine Lockerung der Beschränkungen für deutsche Rüstungsexporte forderte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel auf der Konferenz "Celler Trialog. "Wir wollen keine Lieferungen in Krisengebiete aber deutsche Rüstungsunternehmen müssen mehr Möglichkeiten bei internationalen Geschäften haben." Ferner verlangte Keitel vor den rund 160 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Bundeswehr auf der von Commerzbank Verteidigungsministerium organisierten Sicherheitstagung, dass man wegen der angespannten Etatlage für kommende Haushaltsberatungen vorbereitet sein müsse, um beim Wehretat Kürzungen zu verhindern. Dieser wurde für 2009 um fünf Prozent auf 31,1 Milliarden Euro aufgestockt. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) wies darauf hin, dass seit Beginn der Auslandseinsätze vor 15 Jahren 260000 deutsche Soldaten unter anderem in Afghanistan, im Kosovo oder vor der Küste Somalias im Einsatz waren. "Gegenwärtig sind allein 1200 Reservisten im Ausland. Es ist ein Verdienst der Wirtschaft, die diesen Einsatz ermöglicht", so Jung. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, lobte im Gegenzug die Bundeswehreinsätze zur Sicherung von Handelswegen. Beide Seiten vereinbarten in Celle denn auch, künftig Reservisten in Unternehmen stärker zu fördern.

Deutschland ist hinter den USA und Russland der größte Exporteur von Waffen und hat laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri seine Rüstungsexporte in den letzten fünf Jahren um 70 Prozent gesteigert. "Es gibt keinen Grund, die Exportrestriktionen zu lockern. Deutsche Rüstungsfirmen verdienen sehr gut", sagt Bernhard Moltmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Vor allem deutsche Panzer, U-Boote und Fregatten sowie Anlagen zur Produktion von Kleinwaffen seien weltweit begehrt. Deutsche Firmen belieferten weitgehend Nato-Staaten, die nach der Modernisierung ihrer Armee veraltete Waffensysteme nicht selten in Krisengebiete verkauften. Deutsche Wehrtechnik werde aber auch in innenpolitisch instabile Staaten wie Pakistan verkauft.

"Es könnte viel Geld gespart werden, wenn die europäischen Staaten nicht aus politischen Gründen jeweils ihre eigene Rüstungsindustrie fördern würden",sagt Kai Burmeister, beim Vorstand der IG Metall für die wehrtechnische Industrie zuständig, der Märkischen Oderzeitung. Rund 80000 Menschen sind in Deutschland in dieser Branche beschäftigt, ihr Jahresumsatz lag zuletzt bei 17 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Die meisten der einst 400000 Arbeitsplätze fielen nach der Wende weg, wobei die rund 120000 Stellen in Ostdeutschland fast komplett aufgegeben wurden.

Zu den größten Unternehmen zählen heute der deutsch-französische Kon-zern EADS, der, in Donauwörth mit rund 4500 Mitarbeitern den Hubschrauber Eurocopter herstellt und an weiteren Standorten den Eurofighter und Munition produziert. Rheinmetall (9200 Mitarbeiter) und Krauss-Maffei Wegmann (mehr als- 3000 Beschäftigte) sind die beiden größten Hersteller von Panzern, die vor allem in München und Kassel gefertigt werden. Sie haben zusammen das Unternehmen PSM gegründet, das von der Bundeswehr gerade einen Auftrag im: Volumen von 3,1 Milliarden Euro für die Lieferung von 405 Schützenpanzer vom Typ Puma bekommen hat. Kritiker bemängeln, dass es vom Puma, der den Marder ersetzen soll, bis heute keinen wirklichen Prototypen gibt und befürchten, dass es wie wiederholt in der Vergangenheit zu einer Verzögerung bei den zugesagten Lieferterminen und einer Verteuerung beim gesamten Projekt kommen könnte."

Eine unheilige Allianz ist da unterwegs: Commerzbank, Bundesregierung, BDI und natürlich die Gewerkschaft ! Einen weitergehenden Kommentar spare ich mir...

Foto: Das unweigerliche Ende aller Kriege ( © Maria Lanznaster, www.pixelio.de)

Samstag, 11. Juli 2009

Deutsche zweiter Klasse - Teil 8


In der britischen Armee gab es einen bösen Witz: Man stelle sich vor, das Operationsgebiet ist mit Giftgas verseucht, alle Soldaten haben Gasmasken auf. Irgendwann ist der Trupp aus dem verseuchten Gebiet heraus. Jetzt könnten die Masken abgenommen werden. Allerdings sind die chemischen Indikatoren kaputt und man kennt den aktuellen Giftgasgehalt der Atemluft nicht. Also muss einer der Soldaten als erster die Maske abnehmen und für die anderen die Luft testen. In der britischen Armee nahm man für diese Aufgabe die Iren...

An diesen "Witz" dachte ich, als ich den gestrigen Artikel der "jungen welt" mit dem Titel Ossis als Kanonenfutter las. Inzwischen ist es bei der Bundeswehr genauso wie bei den US-amerikansichen GIs: Man sucht sich die Leute nach dem Grad ihrer Perspektivlosigkeit aus und lockt sie mit Versprechungen. Deshalb der überproportional hohe Anteil von Latinos und Schwarzen in der US-Armee. Ähnlich ist es - wie gesagt - jetzt bei der BW-Truppe im Auslandseinsatz
Zitat: "Laut Verteidigungsministe­rium befinden sich zur Zeit 6391 Soldatinnen und Soldaten »in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr«. Von diesen sind 3143 ostdeutscher Herkunft. Dies entspricht einem Anteil von 49,18 Prozent. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung machen Ostdeutsche gut 20 Prozent aus (einschließlich Berlin). Die Aufschlüsselung zeigt außerdem, daß kein einziger General oder Admiral (im Auslandseinsatz) ostdeutscher Herkunft ist; ostdeutsche Stabsoffiziere machen mit 59 von 356 gut 16 Prozent aus. Am deutlichsten ist jedoch die proportional ungleiche Verteilung bei den »Mannschaften. Hier stellen Ostdeutsche, die erst seit kurzen den gleichen Sold erhalten wie ihre Westkameraden, 62,47 Prozent ... vor allem in den niederen Dienstgraden (dienen) viele Ostdeutsche , umgangssprachlich: (sie sind) Kanonenfutter..."

Der sächsische Bundestagsabgeordnete Peter Hettlich (Bündnis 90/Die Grünen) führt dies »vor allem darauf zurück, daß ostdeutsche junge Leute sehr viel geringere zivile Lebensperspektiven haben als westdeutsche«. Statt durch die kaum vorhandenen blühenden Landschaften ihrer ostdeutschen Heimat " ziehen sie nun durch die blühenden Mohnlandschaften Afghanistans"...

Das Foto zeigt einen Bundeswehrrekruten ( © fv 2009) vor der Vereidigung.

Freitag, 10. Juli 2009

"Yes, we can" in Brandenburg


Es geht. Es funktioniert. Wir können es wirklich! Man muss nur hartnäckig sein und in genügender Menge auftreten, dann können die Mächtigen irgendwann nicht mehr. Jedenfalls in Wahljahren und wenn der Wahlkreis der Bundesmerkel betroffen ist: Im jahrelangen Tauziehen um den Bombenabwurfplatz in Brandenburg haben sich die Gegner des sogenannten Bombodroms durchgesetzt. Bundeskriegsminister Franz Josef Jung (CDU) verkündete am Donnerstag in Berlin das endgültige Aus für das Übungsgelände der Bundeswehr bei Wittstock (Ostprignitz-Ruppin). Gegen das Vorhaben, das mehr als 15 Jahre lang die Gerichte beschäftigte, hatten jedes Jahr zu Ostern Zehntausende Menschen protestiert.

Gewohnt, zwischen den Zeilen zu lesen, befällt mich allerdings schon wieder ein sehr tiefes Mißtrauen wegen der Wortfall unseres Kriegsministers. „Wir nutzen Wittstock nicht mehr als Luft-Boden-Schießplatz“, sagte Jung. Was dann ? Luft-Luft-, Boden-Boden- oder Boden-Luft-Ballerei? Will man dort jetzt U-Boote testen ? Kann er sich nur nicht konkret ausdrücken oder steckt etwas anderes dahinter? Wie wäre es mal mit der ganz konkreten Aussage, dass die Bundeswehr das 140 Quadratkilometer große, seit Jahrzehnten verwüstete Areal endlich renaturiert und anschließend abzieht ? Weg mit derartig hässlichen Schildern (siehe oben). Feinde, die wir mit der Bundesluftwaffe bedrohen oder gar bekämpfen könnten, sind nämlich seit wenigstens 20 Jahren nicht mehr in Sicht...

Foto: © Holger Knecht (www.pixelio.de)

Mittwoch, 8. Juli 2009

Das steht uns nun auch wieder bevor

– Wie Sie mich hier sehn, bin ick nämlich aust Fensta jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber Herr, ick tu Sie nischt – wenn Se mir wolln mah aufhehm ... so ... hopla ... na, nu jeht et ja schon. Ick wees jahnich, wat mir is: ick muß wat jejessen ham ... !

Jetrunken? Ja, det auch ... aber mit Maßen, immer mit Maßen. Es wah – ham Sie 'n Auhrenblick Sseit? – es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen. Hips ... ick bin sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit. Deutschland kann nich untajehn; solange es einich is, wird es nie bebesiecht! Ach, diß wah ausn vorjn Kriech ... na, is aber auch janz schön! Wenn ick Sie 'n Sticksken bejleiten dürf ... stützen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn jehn Sie sicherer!

Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, ick sahre: »Elfriede!« sahr ick, »heute is Sonntach, ick wer man bißken rumhörn, wat die Leite so wählen dhun, man muß sich auf den laufenden halten«, sahr ick – »es is eine patt ... patriotische Flicht!« sahr ick. Ick ha nämlich 'n selbständjen Jemieseladn. Jut. Sie packt ma 'n paar Stulln in, und ick ßottel los.

Es wücht ein ja viel jebotn, ssur Sseit ... so ville Vasammlungen! Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. Feine Leute. Mensch, die sind valleicht uffn Kien! Die janze Straße wah schwarz ... un jrien ... von de Schupo ... un denn hatten da manche vabotene Hemden an ... dies dürfen die doch nich! »Runta mit det braune Hemde!« sachte der Wachtmeister zu ein, »Diß iss ein weißes Hemde!« sachte der. »Det is braun!« sachte der Jriene. Der Mann hat ja um sich jejampelt mit Hände und Fieße; er sacht, seine weißen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht a. Da ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den Saal. Da jabs Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham se erscht jeübt: Aufstehn! Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil sie denn nämlich Märsche jespielt ham, und die Führers sind rinjekomm – un der Jöbbels ooch. Kenn Sie Jöbbels? Sie! Son Mann is det! Knorke. Da ham die jerufen: »Juden raus!« un da habe ick jerufen: »Den Anwesenden nadhierlich ausjenomm!« un denn jing det los: Freiheit und Brot! ham die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm – det Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die ihr drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham die –!

Als die liebe Morjensonne

schien auf Muttans Jänseklein,

zoch ein Rejiment von Hitla

in ein kleines Städtchen ein ... !

Na, wat denn, wat denn ... man witt doch noch singen dürfn! Ick bin ja schon stille – ja doch. Und der Jöbbels, der hat ja nich schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf den Thälmann! »Is denn kein Haufen da?« sacht er – »ick willn iebern Haufn schießen!« Und wir sind alle younge Schklavn, hat der jesacht, und da hat er ooch janz recht. Und da war ooch een Kommenist, den ham se Redefreiheit jejehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war det linke Oohre wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Wie ick rauskam, sachte ick mir: Anton, sachte ick zu mir, du wählst nazzenahlsosjalistisch. Heil!

Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht jahnich rin ... ick weeß nich, wie ick da rinjekomm bin. Da hat son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte sich vor lauter Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umjebunden, der sacht zu mir: »Sind Sie katholischen Jlaubens?« sacht er. Ick sahre: »Nich, dass ick wüßte ... « – »Na«, sacht der, »wat wollen Sie denn hier?« – »Jott«, sahre ick, »ick will mir mal informieren«, sahre ick. »Diß is meine Flicht des Staatsbirjers.« Ick sahre: »Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten ... diß is ein scheenet Jefiehl!« – »Na ja«, sacht der fromme Mann, »diß is ja alles jut und scheen ... aber wir brauchen Sie hier nich!« – »Nanu ... !« sahre ick, »sammeln Sie denn keene Stimm? Wörben Sie denn nich um die Stimm der Stimmberechtichten?« sahre ick. Da sacht er: »Wir sind bloß eine bescheidene katholische Minderheit«, sacht er. »Und ob Sie wähln oder nich«, sacht er, »desderwejn wird Deutschland doch von uns rejiert. In Rom«, sacht er, »is et ja schwierijer ... aber in Deutschland ... « sacht er. Ick raus. Vier Molln hak uff den Schreck jetrunken.

Denn wak bei die Demokratn. Nee, also ... ick hab se jesucht ... durch janz Berlin hak se jesucht. »Jibbs denn hier keene Demokraten?« frahr ick eenen. »Mensch!« sacht der, »Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie jejehm! Und nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin«, sacht er, »da tacht die Deutsche Staatspachtei – da is et richtich.« Ick rin. Da wah ja so viel Jugend ... wie ick det jesehn habe, mußt ick vor Schreck erscht mal 'n Asbach Uralt trinken. Aber die Leute sinn richtich. Sie – det wa jroßachtich! An Einjang hattn se lauter Projamms zu liejn ... da konnt sich jeder eins aussuchen. Ick sahre: »Jehm Sie mir ... jehm Se mia ein scheenet Projamm für einen selbständigen Jemieseladen, fier die Interessen des arbeitenden Volkes«, sahre ick, »mit etwas Juden raus, aber hinten wieder rin, und fier die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern!« – »Bütte sehr«, sacht det Frollein, wat da stand, »da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundfürrssich – da is det allens drin. Wenn et Sie nicht jefällt«, sacht se, »denn kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!« Diß is eine kulante Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Falls et sie bei der Wahl noch jibbt.

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier ... da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan – er hat eine Rede jehalten. Währenddem dass die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: »Jenosse«, sahre ick, »woso wählst du eijentlich SPD –?« Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! »Donnerwetter«, sacht er, »nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei«, sacht er, »aber warum det ick det dhue, det hak ma noch nie iebalecht! – Sieh mal«, sachte der, »ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Ssahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn 'n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein ... und denn ahms is Fackelssuch ... es is alles so scheen einjeschaukelt«, sacht er. »Wat brauchst du Jrundsätze«, sacht er, »wenn dun Apparat hast!« Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln – es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!

Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie ... det hat ma nich jefalln. Wer den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich wert – sahr ick doch imma. Huchenberch perseenlich konnte nich komm ... der hat sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen 'n Kimmel jetrunken.

Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei den Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; und denn bei den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, da jabs Schwedenpunsch; und denn bei die Häußerpachtei, die wähln bloß in Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der is natürlicher Naturmensch von Beruf; und denn wak bei die Wüchtschaftspachtei, die sind fier die Aufrechterhaltung der pollnschen Wüchtschaft – und denn wark blau ... blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de Kommenistn jehn ... aber ick konnte bloß noch von eene Laterne zur andern Laterne ... Na, so bink denn nach Hause jekomm.

Sie – Mutta hat valleicht 'n Theater jemacht! »Besoffn wie son oller liiijel –!« Hat se jesacht. Ick sahre: »Muttacken«, sahre ick, »ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvorbereitung studiert.« – »Besoffn biste!« sacht se. Ick sahre: »Det auch ... « sahre ick. »Aber nur nehmbei. Ick ha staatspolitische Einsichten jewonn!« sahre ick. »Wat wißte denn nu wähln, du oller Suffkopp?« sacht se. Ich sahre: »Ick wähle eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann jibt, sowie unsan jeliebtn Kaiser und auch den Präsidenten Hindenburch!« sahr ick. »Sowie bei aller Aufrechterhaltung der verfassungsjemäßichten Rechte«, sahr ick. »Wir brauchen einen Diktator wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner«, sahre ick. »Nieda mit den Milletär!« sahre ick, »un hoch mit de Reichswehr! Und der Korridor witt ooch abjeschafft«, sahre ick. »So?« sacht se. »Der Korridor witt abjeschafft? Wie wißte denn denn int Schlafzimmer komm, du oller Süffel?« sacht se. Ick sahre: »Der Reichstach muß uffjelöst wem, das Volk muß rejiern, denn alle Rechte jehn vom Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich wieda!« sahre ick. »Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit ein unumschränkten Offsier an die Spitze«, sahre ick. »Und in diesen Sinne werk ick wähln.« Und denn bin ick aust Fensta jefalln.

Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft ... ! »Komm du mir man ruff«, hat se jebrillt. »Dir wer ick! Du krist noch mal Ausjang! Eine Schande is es –! Komm man ja ruff!« Ick bin aba nich ruff. Ick als selbstänjdja Jemieseladen weeß, wat ick mir schuldich bin. Wollen wa noch ne kleene Molle nehm? Nee? Na ja ... Sie missn jewiß ooch ze Hause – die Fraun sind ja komisch mit uns Männa! Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern wa doch ... rejiert wern wa doch ...

Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht –!

Kaspar Hauser (alias Kurt Tucholsky) : "Ein älterer, aber leicht besoffener Herr" in "Die Weltbühne" , 09.09.1930, Nr. 37, S. 405,

Dienstag, 7. Juli 2009

An unsere Helden an der Front

Das Trauerspiel von AFG*

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „„Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.““


Afghanistan! er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Commandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.


Sie führen in’s steinerne Wachthaus ihn,

Sie setzen ihn nieder an den Kamin,

Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,

Er athmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Cabul unser Zug begann,


Soldaten, Führer, Weib und Kind,

Erstarrt, erschlagen, verrathen sind.

„Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,


Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“


Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all’,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.


„Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,

So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimath und Haus,
Trompeter, blas’t in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd’,


Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,

Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,


Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,

Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,


Einer kam heim aus Afghanistan.

Dieses Gedicht schrieb Theodor Fontane im Jahre 1847 nach dem ersten afghanischen Krieg von 1838 bis 1842. Auch damals schon gab es blechbekränzte Helden, d.h. einen Helden. Ach ja, bevor ich es vergesse: Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt. Und noch viel Spaß, Ihr Helden, mit dem Klempnerladen an der Brust. Es sollen ja schon feindliche Kugeln durch Zigarettenetuis oder Eiserne Kreuze abgelenkt worden sein. Übrigens: Die Kugeln der Kalaschnikow mit Kaliber 7,62 mm sind noch auf eine Entfernung von 7 Kilometer tödlich. In God you trust...

* AFG ist das Bundeswehrkürzel für Afghanistan. So sprechen Helden heute !

Danke an Micha für Idee und Quellenangabe.

Vor Mehdorn wird gewarnt

Gravierende Fehler bei Instandhaltung und Wartung, Kauf billiger Ersatzteile, Personalabbau nicht nur bei den S-Bahn-Betriebswerken, Schließung der Wartungsbetriebe und letztlich Profitmaximierung, um die Deutsche Bahn an die Börse zu bringen: Die Leiden der Fahrgäste bei der Berliner S-Bahn sind hausgemacht und zeugen vom langen Schatten des ehemaligen Bahn-Obermuftis Mehdorn. Der hatte ja den Auftrag der Bundesregierung, den Staatskonzern an die Börse zu bringen. Koste es, was es wolle. Bevor es in Berlin Menschenleben kosten konnte, hatte das Eisenbahn-Bundesamt umfassende Kontrollen des Fuhrparks angeordnet. Mit den bekannten Folgen, die jetzt schon über eine Woche anhalten: Überfüllte und ausfallende Züge, ganze S-Bahnlinien fahren nicht, der Rest fährt in längeren Abständen. Die Stadt befindet sich am Rande des Verkehrsinfarkts. Die Geduld der Fahrgäste ist schon lange erschöpft und viele fragen sich, wie lange man für diese Zumutung auch noch Fahrgeld zahlen soll. Aber zur Zeit funktionieren die Fahrkartenkontrollen als Einziges noch.

Die "junge welt" veröffentlicht in ihrer heutigen Ausgabe ein lesenswertes Interview mit Heiner Wegner, Betriebsratsvorsitzender bei der Berliner S-Bahn GmbH. Wegner sieht die Ursache für das Chaos eindeutig in der Politik und antwortet auf eine entsprechende Frage:
"Es ist einfach absurd, den Nahverkehr als Teil der DB AG an die Börse bringen zu wollen. Sie können keinen Profit mit dem öffentlichen Personennahverkehr erwirtschaften. Wir haben die Verpflichtung, die Mobilität der Bevölkerung zu gewährleisten. Wenn das nicht mehr als oberster Grundsatz gilt, sondern die Profitmaximierung, dann kann das nicht funktionieren. Die Börsenpläne der Bahn sind wirklich absoluter Schwachsinn. Die Politik hat sie beschlossen und ist damit dafür verantwortlich, daß unser Unternehmen an die Wand gefahren wurde."

Übrigens, Hartmut Mehdorn, der ehemals verantwortliche und weggelobte Bahnchef, hat einen neuen Druckposten bei Air Berlin. Im Gegensatz zu den Bahnreisenden unter Mehdorns "Ägide" können Fluggäste heute auf andere Anbieter umsteigen. Bevor bei Air Berlin die Triebwerke eingespart werden und die Passagiere die Propeller selber drehen müssen...

Auf vielfachen Wunsch: Vallis Sudoku


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Wir sind noch lange nicht am Ende, wir fangen ja gerade erst an...