Fremdschämen beschreibt das unangenehme Gefühl, sich stellvertretend für das peinliche oder unangebrachte Verhalten einer anderen Person zu schämen. Man empfindet dabei Scham, obwohl man selbst nicht der Verursacher des unangenehmen Moments ist.
Bedeutung und Merkmale
Stellvertretende Scham: Man fühlt sich in die Lage des anderen versetzt und leidet innerlich mit.
Soziale Normen: Das Verhalten der Person verletzt ungeschriebene Regeln oder die soziale Etikette.
Fehlendes Bewusstsein: Oft tritt Fremdschämen auf, wenn sich die betroffene Person ihres eigenen peinlichen Verhaltens gar nicht bewusst ist.
Seit ungefähr 74 Jahren versuche ich diesem Gefühl entgegen zu wirken. Es gelingt mir selten. Immer, wenn sich jemand lustvoll im selbst angerichtetem Chaos suhlt, empfinde ich zunächst Mitleid, das dann fast umgehend in Fremdscham übergeht. Hier nur drei Beispiele:
- Ich war 8, als ein bedeutender Staatsmann, der immerhin den stalinistischen Säuberungen in Moskau glänzend entkommen war, die Westpresse mit dem Satz " Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" anlog (und das noch in einem furchtbaren Dialekt !) Nun gut, ich konnte das Gefühl erst richtig lokalisieren, als ich ab 13. August 1961 nicht mehr an meine "Micky Maus" kam, die meine Patentante in Moabit für mich abonniert hatte. Aber das untrügliche Gefühl, da ist ein Staats- und Parteichef und er lügt, sollte mich niemals mehr verlassen.
- Ein anderer Geistesriese sollte im August 1989 über seine Mitbürger, die aus mehr oder minder ausgeprägter Verzweiflung über ausbleibende Veränderungen die DDR über Ungarn in Richtung Westdeutschland verlassen hatten, lapidar äußern "Wir weinen ihnen keine Träne nach!". Nun, eine sehr gute Freundin besuchte mich kurz vor ihrer Flucht aus dem Arbeiter- und Bauernstaat und wollte von mir wissen, wie es weitergehen würde. Ich, der ahnungslose Engel, machte ihr keine Hoffnung auf Veränderung in unserem damaligen Heimatland und dann war sie einfach weg. Und ich schämte mich in Grund und für diesen Staatschef, dem seine Bürger egal waren.
Bundeskanzler Friedrich Merz wählte für seinen Wiedereinstieg nach der unverdienten Sommerpause Hürtgenwald in Nordrhein-Westfalen. Dort war wenige Tage zuvor der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes gelöscht worden. Rund 1.800 Menschen mussten wegen des Feuers zeitweise ihre Häuser verlassen. Hunderte Hektar Wald wurden beschädigt. Die Einsatzkräfte kämpften tagelang gegen einen Brand, dessen Bekämpfung durch alte Weltkriegsmunition zusätzlich erschwert wurde. Merz wollte hier mit Outdoor-Jäckchen Volksnähe simulieren und den Einsatzkräften danken - und wurde ausgepfiffen. Merz hörte die Pfiffe und sagte, er lasse sich „von denen, die rumschreien, nicht beeindrucken“. Er spreche „mit denen, die helfen“. Der Kanzler im Herbst seiner Amtszeittage möchte festlegen, welcher Bürger Gesprächspartner ist. Der Helfer darf dazugehören. Der protestierende Bürger ist lediglich „Herumschreier“. Bevor hier jemand den Kanzler auspfeift, soll sich der- oder diejenige gefälligst mal nützlich machen. Der Bürger soll einfach Union wählen, Steuern zahlen, Fresse halten.
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Ich gebe es auf! Fremdscham bringt nichts, sie macht nur müde. Es gab in der deutschen Geschichte schon viele peinlich Gestalten. Man könnte sich als Regierungschef mit den Taten dieser Knallchargen beschäftigen und daraus seine Lehren ziehen. Daran ist beim Kobold mit der langen Nase natürlich nicht zu denken. Und so muss er weiter in den Abgrund marschieren. Lassen wir uns nicht mitnehmen!
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