Kurt Tucholsky sollte letztendlich doch Recht behalten. So meinte er nach der von Ebert, Noske und Scheidemann verratenen Revolution von 1918 sehr treffend:
" Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas - vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: Zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen. "
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Allerdings würde der völlige Zusammenbruch in eine wirtschaftliche Katastrophe münden, den Immobilienmarkt vernichten und durch die plötzlich freien Verlage die Meinungsfreiheit in Deutschland endlich in ungeahnte Höhen oder sogar zu den Sternen schießen.
Hier nun eine chronologische Bilanz der SPD auf Bundesebene 2016–2026:
2016 – Sigmar Gabriel: Höhepunkt und beginnender Niedergang
Sigmar Gabriel ist SPD-Vorsitzender, Vizekanzler und Wirtschaftsminister. Er steht für die pragmatische, regierungsorientierte SPD der Großen Koalition.
Doch die Partei verliert zunehmend Profil. Gabriel wird innerhalb der SPD für seinen Kurs kritisiert, gleichzeitig liegen die Umfragewerte schlecht.
Bilanz: Gabriel ist noch mächtig, aber die SPD sucht bereits nach einem neuen Gesicht.
Januar 2017 – Martin Schulz ersetzt Gabriel
Der überraschende Wechsel: Gabriel verzichtet auf die Kanzlerkandidatur und macht Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten. Schulz übernimmt anschließend auch den Parteivorsitz.
Zunächst entsteht der sogenannte „Schulz-Effekt“: Die SPD schießt in den Umfragen zeitweise deutlich nach oben.
Dann folgt der Absturz.
Bei der Bundestagswahl 2017 erreicht die SPD nur 20,5 % – ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl bis dahin.
Verschleißfaktor: hoch.
Schulz verliert innerhalb weniger Monate praktisch seinen politischen Kredit.
2018 – Schulz scheitert endgültig
Nach der Bundestagswahl kündigt Schulz zunächst an, die SPD werde in die Opposition gehen. Danach stimmt die SPD doch für eine erneute Große Koalition.
Schulz will zunächst Außenminister werden, zieht sich nach massivem innerparteilichem Widerstand aber zurück.
Februar 2018: Rücktritt vom Parteivorsitz.
Damit ist der „Hoffnungsträger“ von 2017 innerhalb eines Jahres politisch weitgehend verbraucht.
Gabriel → Schulz: erster großer Personalbruch.
2018–2019 – Andrea Nahles
Andrea Nahles übernimmt den Parteivorsitz und wird zugleich SPD-Fraktionschefin.
Sie soll die Partei erneuern und aus dem historischen Tief herausführen.
Das gelingt nicht.
Bei der Europawahl im Mai 2019 stürzt die SPD weiter ab. Innerhalb der Partei wächst der Widerstand gegen Nahles.
3. Juni 2019: Nahles kündigt ihren Rücktritt als SPD-Chefin und Fraktionschefin an.
Damit sind innerhalb von gut zwei Jahren drei SPD-Spitzenfiguren – Gabriel, Schulz und Nahles – aus der ersten Reihe verschwunden.
Sommer/Herbst 2019 – Führungsvakuum
Die SPD wird vorübergehend von Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel kommissarisch geführt.
Die Partei führt anschließend erstmals eine Mitgliederbefragung über eine Doppelspitze durch.
Zur Wahl stehen unter anderem:
- Olaf Scholz / Klara Geywitz
- Saskia Esken / Norbert Walter-Borjans
Gewählt werden schließlich Esken/Walter-Borjans.
Das ist politisch bemerkenswert: Olaf Scholz verliert die Mitgliederentscheidung, wird aber nur zwei Jahre später Kanzlerkandidat.
2020 – Esken/Walter-Borjans
Die neue Doppelspitze steht zunächst für eine deutlich kritischere Haltung gegenüber der Großen Koalition.
Dann kommt Corona.
Die SPD profitiert zunächst von der Regierungsverantwortung. Gleichzeitig wird Olaf Scholz immer stärker zum eigentlichen Gesicht der Partei.
2021 – Der erstaunliche Wiederaufstieg von Olaf Scholz
Die Bundestagswahl verändert alles.
Die SPD erreicht 25,7 %, nach 20,5 % im Jahr 2017. Sie wird stärkste Partei.
Olaf Scholz wird Bundeskanzler.
Damit erlebt die SPD innerhalb von vier Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung:
Schulz: 20,5 % → Scholz: 25,7 %.
Die Partei ist wieder Kanzlerpartei.
2021–2023 – Scholz, Esken und Klingbeil
2021 wird die Doppelspitze Saskia Esken/Lars Klingbeil gewählt. Klingbeil erhält 86,3 %, Esken 76,7 %.
Damit entsteht ein neues Machtmodell:
Scholz im Kanzleramt – Esken und Klingbeil an der Parteispitze.
Klingbeil entwickelt sich zunehmend zum wichtigsten innerparteilichen Machtpolitiker.
2023 – Esken/Klingbeil werden bestätigt
Die SPD bestätigt beide Parteivorsitzenden. Esken erhält dabei 82,6 %, Klingbeil 85,6 %.
Damit scheint der alte Personalverschleiß zunächst beendet.
Aber: Die Ampelregierung verliert zunehmend Zustimmung.
2024 – Olaf Scholz und das Ampel-Desaster
Der entscheidende politische Bruch kommt im November 2024.
Scholz entlässt Finanzminister Christian Lindner. Die Ampel zerbricht.
Die SPD muss mit Scholz als Kanzlerkandidat in einen vorgezogenen Bundestagswahlkampf gehen.
Innerhalb der SPD gibt es zwar keine erfolgreiche Revolte gegen Scholz – aber die Frage, ob er der richtige Kandidat ist, wird durchaus diskutiert.
2025 – historischer Rückschlag
Die Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wird für die SPD zur Katastrophe.
Die SPD fällt auf 16,4 % und verliert massiv Sitze. Sie kommt nur noch auf 120 Sitze, 86 weniger als 2021.
Damit ist die Kanzlerschaft von Olaf Scholz beendet.
Scholz wird zum nächsten großen Opfer der SPD-Führungsgeschichte.
Interessant: Anders als bei Schulz oder Nahles geht Scholz nicht unmittelbar nach der Wahl aus der Politik, aber seine Zeit als Kanzler ist beendet.
2025/26 – neue SPD-Führung: Bärbel Bas und Lars Klingbeil
Nach der Wahlniederlage erfolgt erneut ein personeller Schnitt.
Die SPD wird seit dem Parteitag 2025 von Bärbel Bas und Lars Klingbeil geführt. Klingbeil bleibt damit an der Parteispitze; Bas ersetzt Esken.
Klingbeil übernimmt zugleich eine zentrale Regierungsfunktion.
Damit beginnt die nächste Phase:
Bas/Klingbeil → neue Verantwortung in der schwarz-roten Bundesregierung.
Und inzwischen gibt es bereits 2026 wieder deutliche innerparteiliche Kritik an der Doppelrolle von Parteivorsitz und Regierungsamt.
Die eigentliche Verschleißkurve
Wenn man die vergangenen zehn Jahre zugespitzt zusammenfasst:
Sigmar Gabriel
↓
Martin Schulz
↓
Andrea Nahles
↓
Esken / Walter-Borjans
↓
Esken / Klingbeil
↓
Olaf Scholz
↓
Bärbel Bas / Lars Klingbeil
Besonders auffällig sind dabei vier politische Brüche:
| Jahr | Person | Ergebnis |
|---|---|---|
| 2017 | Martin Schulz | 20,5 %, schlechtestes SPD-Bundestagswahlergebnis bis dahin |
| 2019 | Andrea Nahles | Rücktritt nach Europawahlniederlage |
| 2021 | Olaf Scholz | 25,7 %, Kanzler |
| 2025 | Olaf Scholz | 16,4 %, Ende der Kanzlerschaft |
Mein Fazit
Der Begriff „SPD-Personalverschleiß“ ist durchaus vertretbar, wenn man ihn politisch zuspitzt. Besonders deutlich ist die Abfolge Gabriel → Schulz → Nahles: Innerhalb von knapp drei Jahren verlor die SPD drei ihrer wichtigsten Bundespolitiker.
Allerdings ist die Geschichte nicht einfach eine gerade Linie des Niedergangs. 2021 gelang der SPD mit Scholz sogar eine spektakuläre Erholung von 20,5 auf 25,7 %.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist deshalb eher die extreme Instabilität der Führung: Die SPD hat in zehn Jahren mehrfach ihre strategische Ausrichtung und ihr Spitzenpersonal gewechselt - wenn man diese Gestalten so benennen möchte. Die Partei steht nach dem Einbruch von 2025 erneut vor einer grundlegenden Richtungsfrage.
Wenn man es noch bissiger formulieren möchte: Vom Gabriel-Abgang 2017 bis zum Scholz-Absturz 2025: Wie die SPD in acht Jahren fünf Spitzenkonstellationen verschliss.
Und denkt man an Blindgänger wie Scharping, Steinbrück und Steinmeier, Klein Kevin, den verkappten Kriegsminiskus Pistolius oder gar den verrückten Professor lässt man jede Hoffnung auf positive Veränderungen in diesem Siechenheim für Vollpfosten fahren ...

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