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Montag, 5. Februar 2007

Das Leben der anderen


Eines abends, so zwischen "heute"-Sendung und "Aktueller Kamera" - es war das Jahr 1983 und wir hatten gerade unter größten, aber in der DDR üblichen Schwierigkeiten unsere Wohnung ausgebaut, um ein drittes Zimmer als Kinderzimmer zu gewinnen- klingelte es an unserer Wohnungstür. Ein junger Mann stand draußen, hielt mir irgendeinen Ausweis unter die Nase und erklärte mir, er müsse mich unter vier Augen sprechen, es ginge um einen Nachbarn. Jetzt kannte man das in der DDR schon: Wenn ein Nachbar in den Westen reisen wollte, erkundigten sich die entsprechenden staatlichen Organe in dessen Umfeld über seine politische Zuverlässigkeit. Da ich in der Regel sowieso jeden Tag etwa 12 Stunden außer Haus war, bissen die Jungs bei mir schon deshalb immer auf Granit, weil ich die meisten Nachbarn gar nicht kannte. Außerdem war mir die Schnüffelei immer zu blöd, mein Vater bekam in den fünfziger Jahren ein Berufsverbot, weil er einen politischen Witz erzählt hatte. Der Anscheißer war damals ein hundertfünfzig- prozentiger Genosse, der ein Vierteljahr später in den Westen abhaute. So viel zu öffentlich sichtbaren oder geäußerten Gesinnungen oder wie weit man Leuten in den Schädel kucken kann.

Als ich mit dem jungen Mann in unserem Wohnzimmer allein war, kam er sehr schnell zur Sache: Ich hätte doch eine tolle berufliche und politische Entwicklung hingelegt und man brauche mich an entsprechender Stelle. Ob ich nicht für das Ministerium für Staatssicherheit als informeller Mitarbeiter arbeiten könnte. Was sagt man in einer solchen Situation als junger, aufstrebender Wissenschaftler, Vater von zwei kleinen Kindern, wo das Geld nie reichte und man auf jede klitzekleine Gehaltserhöhung angewiesen war? Richtig ! Ich sagte: "Jein". Zwar war ich alles in allem dem Staat für die Bildungschancen und seine Sozialleistungen dankbar, aber vor allem war ich doch dem menschlichen Anstand verpflichtet. Und so blieb ein sehr ungutes Gefühl zurück, als der Bursche endlich ging.
Beim nächsten Mal etwa eine Woche später waren sie schon zu zweit. Natürlich hatte man mich zu strengster Geheimhaltung verpflichtet, gerade meiner Frau sollte ich überhaupt nichts sagen. Ich hatte sie natürlich sofort nach dem ersten Gespräch über diesen Mist informiert. Aber auch dieses zweite Gespräch fand nun ohne sie statt. Diesmal wollten sie mich richtig festnageln Um mich für die großen Aufgaben zu ködern, hatten sie sich auch schon etwas grandioses ausgedacht. Ich sollte mich - kurz gesagt - in Kneipen herumdrücken und anschließend aufschreiben, was ich am Nachbartisch gehört hatte. Es kostete mich sehr viel Überzeugungskraft, den Genossen diesen großen Gedanken auszureden. Aber ich war auch damals schon kein Kneipengänger und die Jungs zogen unverrichteter Dinge ab. Allerdings waren sie pünktlich eine Woche später wieder da. Diesmal ging es um meinen Chef. Professor Schulz war in den fünfziger Jahren persönlicher Mitarbeiter des Genossen Vieweg gewesen. Vieweg widersprach als ZK-Mitglied dem SED-Chef Ulbricht in der Frage der Kollektivierung der Landwirtschaft, wurde abgesetzt und floh nach Schweden. ( siehe auch: Michael F. Scholz: Bauernopfer der deutschen Frage -Der Kommunist Kurt Vieweg im Dschungel der Geheimdienste. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, 288 S. ) Jetzt -im Jahr 1983, etwa 20 Jahre später- kam die Stasi auf die Idee, dass dieser Prof. Schulz vielleicht immer noch nicht ganz sauber wäre. Ich sollte aufschreiben, was der Professor so äußert. Allerdings sah ich meinen Chef manchmal wochenlang nicht, da unsere Büros räumlich sehr weit getrennt lagen. Wieder zogen die beiden Jungens mit hängenden Ohren ab.
Beim nächsten Mal gefiel mir ihre Idee ausgesprochen gut: Man wollte mich aus der DDR ausschleusen, ich sollte mir drüben eine Existenz aufbauen und irgendwann würde man dann Frau und Kinder nachkommen lassen. Dem stimmte ich nach längerer, gespielt-ernster Überlegung zu.
Jetzt sollte auch meine Frau über die großen Pläne von Mielkes Mannen informiert werden. Wie gesagt: Offiziell wusste sie noch gar nichts. Und - sie hörte sich an diesem Abend den ganzen Quatsch an und schmiß die Bengels raus!

Damit war die Sache erledigt. Mein Antrag auf Einstufung als Reisekader für das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) wurde allerdings noch Jahre später zweimal abgelehnt. Allerdings durfte ich dienstlich wenigstens mal nach Bulgarien und nach Ungarn. Beides war auch nicht schlecht, da Reisen bekanntlich bildet.

Nun also der Film" Das Leben der anderen". Hoch gelobt, Oscar-verdächtig und und und. Ablehnung allein schon deshalb, weil der Regisseur aus dem Westen kommt? Also haben wir uns diesen Film angetan. Wie erwartet, fällt der Regisseur sofort von einem Klischee ins andere. So hat es diese leeren Straßen nicht nur in Ost-Berlin schon in den sechziger Jahren nicht mehr gegeben. Und in den 80ern hat man auch in den Seitenstraßen kaum noch eine Parklücke für seinen Trabbi gefunden. Die Häuser sind natürlich grau und kaputt, ebenso die Menschen. Die inkompetenten, primitiven und fiesen Stasi-Chefs erinnern aber letztendlich nur an nach der Wende selbst erlebte West-Manager. Mein Gott, Ihr Wessi-Idioten: Wann wollt ihr endlich begreifen, dass wir in diesem Land sogar gelacht haben und es uns bunt gemacht haben - und das nicht mal zu knapp. Wir haben gelebt, vom materiellen gesehen sicherlich schlechter als heute, aber heute ist auch nur derjenige frei und kann diese Freiheit ausleben, der über genügend Geld verfügt. Und wir DDR-Bürger hatten nie diesen virtuellen Bronzering um den Hals, der die heutigen Hartz IV-Empfänger als Sklaven dieses Staates ausweist. Wobei der Bronzering des normalen Arbeiters oder Angestellten ja auch nur unwesentlich dünner ist, oder?

Im Film kam aber etwas anderes ganz deutlich heraus: Die Künstler, selbst die unangepaßten, lebten in einer ganz anderen DDR als wir. So war wohl auch Biermanns größter Ärger, dass ihn in der DDR kaum jemand kannte. Und Krug ging fast ausschließlich aus materiellen Gründen oder weil man ihn von Seiten der Staatsführung nicht noch mehr bauchmietzeln wollte. (siehe"Abgehauen")

Fazit: Gute künstlerische Leistungen der Schauspieler,vor allem von Martina Gedeck. Über Mühe und sein Ego möchte ich nicht weiter reden, der hat wahrscheinlich mit seiner Rolle die Anscheißer-Mentalität gelernt und verinnerlicht.

Als einzige, aber dafür wesentliche Lehre des Films kann jeder für sich selbst mitnehmen, dass es sich immer auszahlt, sauber und anständig zu bleiben. Selbst wenn mal Bubis von Resi, Stasi, Zenzi, CIA, VS oder BND* vor der Tür stehen sollten und man sich nur ganz schwer rausreden kann...


*entschuldigt bitte, wenn ich irgendeinen wichtigen Geheimdienst vergessen habe.


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Wir sind noch lange nicht am Ende, wir fangen ja gerade erst an...